

Erste Trotzanfälle
Geduldsproben für die Eltern
Immer, wenn Nicole zum Spielen draußen ist und zurück in die Wohnung soll, wird sie zornig. Auf dem Arm ihrer Mutter macht sie sich steif wie ein Brett, brüllt und versucht, sich schleunigst wieder aus der Umklammerung zu lösen. Zu Hause wirft sie sich hin und knallt wütend mit dem Kopf auf den Boden. Nicole ist eineinhalb Jahre alt und im besten Trotzalter.
Die ein- bis dreijährigen Knirpse können ihre Eltern oft auf eine harte Geduldsprobe stellen. Mit Wörtern wie „nein“ und (später) „ich“ oder „selber“ signalisiert der Sprössling, dass er seine ersten Schritte auf dem Weg zur Selbstständigkeit macht. Er entdeckt seinen eigenen Willen und wird zornig, wenn das, was er sich vorgenommen hat, nicht klappt. Er ist noch zu klein, um zu begreifen, warum Mutter oder Vater ihm beispielsweise etwas verbietet, was ihm Spaß macht. Das Kind fühlt eine ohnmächtige Wut, weil die Erwachsenen immer stärker sind.
Dabei kann es sich sprachlich noch nicht so gut ausdrücken und nicht erklären, um was es ihm geht.
Mit einem Wutanfall will das Kind seine Eltern nicht ärgern. Es wird von seiner Wut überfallen, ohne sie steuern zu können. Schimpfen die Eltern, wird es nur noch unglücklicher und empfindet um so stärker seine eigene Ohnmacht. Der kleine Trotzkopf hat sich in eine Situation ineinmanövriert, aus der er allein nicht mehr herauskommt. Bei manchen Kindern ist es darum gut, wenn die Eltern bald auf sie zugehen, sie zu beruhigen und abzulenken versuchen. Einige Kinder lehnen andererseits jeden „Annäherungsversuch“ der Eltern ab, bis sie sich von allein beruhigt haben. Ist der Wutanfall erst einmal vorbei, ist jedoch fast jeder kleine Trotzkopf sehr liebebedürftig, möchte in den Arm genommen und getröstet werden.
Für Eltern ist die Frage, wann sie dem Kind nachgeben und wann nicht, eine schwierige Gratwanderung. Ein Patentrezept gibt es nicht. Manchmal gelingt es, Situationen zu vermeiden, die Trotzanfälle heraufbeschwören könnten. Zum Beispiel, wenn das Kind beim Spielen nicht plötzlich unterbrochen wird, sondern die Eltern ankündigen, dass sie bald mit ihm zum Einkaufen gehen. Mitunter hilft es auch, die Aufmerksamkeit des Kindes auf ein anderes Ziel zu lenken. Auch ein kleines Kind bekommt schnell heraus, wann es seine Wut gezielt einsetzen kann. Die typische Situation: Es möchte im Supermarkt einen Schokoriegel, bekommt ihn aber nicht und wird wütend. Gibt die Mutter oder der Vater jetzt nach, macht das Kind beim nächsten Einkauf garantiert wieder einen Aufstand…
Trotzanfälle sind für das Kind ein erstes frühes Einüben in das Austragen von Konflikten. Sie dürfen aber nicht in Machtkämpfe zwischen Eltern und Kind ausarten. Wenn Eltern nicht ihre eigene Überlegenheit ausspielen, wenn sie respektieren, dass ihr Kind eigene Vorstellungen und Wünsche hat, dann machen sie den ersten Schritt dazu.
Das Kind will und muss andererseits herausfinden, wo seine Grenzen liegen. Wenn Eltern klare Regeln und Gebote aufstellen, helfen sie ihm dabei. Sie sollten aber vorher genau überlegen, welche Verbote ihnen wichtig sind, diese dem Kind erklären und konsequent anwenden. Das schließt Kompromisse in anderen Fragen nicht aus. Warum soll das Kind zum Beispiel nicht einmal ausnahmsweise Saft statt Milch zum Frühstück bekommen?
Hilfreich ist, wenn das Kind spürt, dass die Eltern seine Wünsche ernst nehmen – auch wenn natürlich nicht alle erfüllt werden können. Dann wird es Trotzanfälle immer weniger nötig haben, je besser es sprechen lernt und je älter es wird. Solange bleibt Eltern mit einem kleinen Trotzkopf nur, Ruhe zu bewahren und sich klarzumachen: Trotz ist nicht ein Zeichen dafür, dass sie in der Erziehung ihres Kindes versagt haben. Vielmehr zeigt er, dass der Sprössling einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Selbstständigkeit macht.






