Ängste

Wenn Fantasie und Wirklichkeit durcheinander geraten

Die kleine Tochter tippelt begeistert auf den großen Hund der Nachbarn zu und streichelt ihn. Eine halbe Stunde später gerät sie in Panik, als sie ein paar Ameisen auf der Haustreppe sieht. Es kommt öfter vor, dass sie nachts laut weint, verstört ist und sich kaum beruhigen lässt. Überhaupt können die Erwachsenen ihr Verhalten und ihre überraschenden Ängste oft nur schwer verstehen. Kinder in diesem Alter haben eine eigene Welt, die anders ist als die der Erwachsenen. Ihre Fantasie lässt tote Gegenstände lebendig werden, und sie selbst können Zauberkräfte haben. Sie überschauen und verstehen viele Zusammmenhänge nicht wie Erwachsene und geben ihnen eine eigene Deutung.

Wenn Fantasie und Wirklichkeit durcheinander geratenWenn sie sich verletzen und bluten, dann haben sie zum Beispiel Angst, sie könnten „auslaufen“. Sie haben keine Vorstellung von Organen und stellen sich das Innere des Körpers wie einen Hohlraum vor, der gefüllt ist mit Blut und Nahrung. „Groß“ und „klein“ haben nicht die Bedeutung wie für Erwachsene – kleine Tiere können im Traum und in der Vorstellung riesengroß und mächtig sein. Und wenn die Oma gesagt hat: „Jetzt haben die Ameisen alle Früchte angefressen“, dann ist diesen Tieren in den Augen der Kinder alles zuzutrauen. Äußere und innere Bilder, Wirklichkeit und Träume, fantasierte und echte Gefahren – das alles kann das Kind nicht immer klar unterscheiden. Eindrücke, erregende Erlebnisse, die es nicht verarbeiten konnte, brechen bei irgendwelchen Gelegenheiten wieder auf, oft nachts im Traum. Sie können dann das Kind überwältigen und Ängste auslösen, die für Erwachsene unverständlich sind.

Das Kind erlebt so viel und seine Fantasie ist so lebhaft, dass jedes Alleinsein schon Angst machen kann. Für Eltern ist es hilfreich, sich immer wieder klarzumachen, dass das Kind die Welt anders erlebt. Ihm zu sagen: „Du brauchst doch keine Angst zu haben!“, hilft dem Kind nicht, im Gegenteil: Es fühlt sich noch mehr allein gelassen, und seine Angst verstärkt sich.

Wenn Eltern wissen, dass all das zu diesem Alter gehört, und geduldig mit dem Kind umgehen, dann vermitteln sie ihre Sicherheit auch dem Kind. Wenn sie es in den Arm nehmen und trösten, erfährt es Schutz und weiß: Auch in meiner Angst werde ich von meinen Eltern an- und ernst genommen.

Es geht nicht darum, dem Kind seine Ängste auszureden oder abzugewöhnen. Auf die Dauer sollte es vielmehr lernen, über die Ängste zu sprechen und damit umzugehen. Dann werden Kinder und Erwachsene im Gespräch etwas von der Erlebniswelt des anderen lernen können. Viele Ängste sind durchaus sinnvoll: Sie warnen vor Gefahren und helfen, sich darauf einzustellen. Mit den anderen Ängsten müssen Kinder und Erwachsene leben lernen.