Geistige Entwicklung

Kleine Philosophen

Kleine Philosophen„Heute haben wir Maschinen gebaut. Peter hat ein Auto gemacht und ich ein Schiff.“ Diesen Bericht aus dem Kindergarten hätte Martin vor einem Jahr so noch kaum geben können. Er unterscheidet jetzt zwischen „wir“ und „ich“. Er weiß jetzt also, dass er eine selbstständige Person ist und dass er zugleich als einer von mehreren zu einer Gruppe gehört.

Verblüffend, wie reif, ja geradezu weise Kinder manchmal schon wirken! Inzwischen sind sie nicht mehr nur dem Augenblick und dem momentanen Erleben verhaftet. Sie haben ein sehr gutes Erinnerungsvermögen und können mitunter richtige kleine Philosophen sein, die sich um alle möglichen Dinge Gedanken machen: „Weiß ein Hund, dass er ein Hund ist?“ Sie verstehen Zusammenhänge viel klarer und erfassen, dass es Überdauerndes, Bleibendes gibt.

Die Kinder entwickeln jetzt verstärkt ein Verständnis für Mengen und Zahlen: Auch wenn sich die Anordnung ändert, bleiben vier Äpfel vier Äpfel und fünf Knöpfe bleiben fünf Knöpfe, ob sie nun im Kreis oder in einer Linie liegen. Zeitliche Zusammenhänge werden geordnet, Begriffe wie „gestern“, „morgen“, „bald“ bekommen Bedeutung.

Atem-Pause

Liebeslied

Gott zeigt sich
mir
in dir.
Dann wieder
bist du mir nah wie Wasser
das mich ganz und gar umgibt.
Unlängst hab ich dein
Atemholen belauscht –
Und war ganz berauscht,
unablässig
zu hören:
„Ich hab’ – dich lieb.“

Hejo Müller
(aus: Hejo Müller,
Nachts wenn der Regen fällt.
Paqué Druck und Verlag,
Ramstein 1992)

Das bringt mit sich, dass es freudige Zukunftserwartungen, aber auch Zukunftsängste geben kann. Die Kinder erinnern sich, was sie gestern erlebt und getan haben, setzen es in Bezug zu dem, was sie heute erleben, und zu dem, was sie morgen tun könnten. Und dabei entwickeln sie ein Bild von der eigenen Persönlichkeit. Ein zentraler Aspekt dabei ist, eine Geschlechtsidentität zu finden. Da ist es besonders wichtig, in Vater, Mutter und anderen Verwandten und Bekannten gute Vorbilder, Modelle zu haben, die zeigen, wie man als Frau oder Mann, als Mädchen oder Junge sein kann. Die Reaktionen von Erwachsenen auf das eigene Verhalten sind bedeutsam, zeigen sie doch, was in Ordnung und erwünscht ist und was nicht. So lernt das Kind, zwischen akzeptablen und weniger positiven Verhaltensweisen zu unterscheiden. Das Vorbild von Mutter, Vater und anderen Erwachsenen ist auch in anderer Beziehung gefragt. Das Nachspielen von Erwachsenen („Ich bin jetzt der Papa und du bist das Kind.“) verrät, wie genau Kinder Erwachsene beobachten und wie sehr deren Maßstäbe, Bewertungen und Verhaltensweisen als Modell für eigenes Verhalten und eigene Beurteilungen wahrgenommen werden. Darin liegt ein entscheidender Beitrag für die Gewissensbildung des Kindes.

Nicht zuletzt hat jetzt das „Vor-Schul-Jahr“ begonnen. Viele Kinder spüren, dass etwas zu Ende geht und etwas anderes – die Schule – kommt. Das kann unsicher machen; manche Kinder verschließen sich deshalb und entwickeln so etwas wie eine zweite Trotz-Phase. Offene Ohren, Zeit für Gespräche und Verständnis auch für Unausgesprochenes sind dann gefragt.