Montag, 07:14 Uhr

Fremdeln und Trennungsangst

An der unsichtbaren Leine

Was ist bloß in Mia gefahren? Sie ist jetzt gut acht Monate alt, und plötzlich verhält sie sich ganz anders als in den Monaten zuvor. Wenn die Nachbarin sie nur anspricht, wendet sie sich ab, klammert sich an Mama oder Papa oder schreit sogar. Keine Spur mehr von der Neugier, mit der Mia bisher auch fremden Menschen begegnete; nur Mama, Papa und die Großeltern dürfen ihr noch nahekommen.

Dieses neue Verhalten, das Fremdeln, erleben Eltern irgendwann nach einem halben Jahr, manche etwas früher, andere erst nach dem ersten Geburtstag der Kleinen. (Die frühere Bezeichnung „Acht-Monats-Angst“ ist deshalb heute kaum noch geläufig.) Zwar spürte Mia den Unterschied zwischen vertrauten von fremden Menschen schon früher – an der Stimme, am Geruch, der Art, gehalten zu werden – und ließ sie sich von Mama oder Papa schneller beruhigen. Aber jetzt hat das eine neue Qualität; Mia zeigt ihre Ablehnung, Scheu und sogar Angst vor allem Neuen und Fremden überdeutlich. Ihre Eltern kommen dadurch bei Begegnungen mit Bekannten öfter ins Schwitzen; aber aus Sicht der kindlichen Entwicklung macht das Fremdeln durchaus Sinn.

Denn gleichzeitig wächst in diesen Monaten Mias Fähigkeit, sich robbend und krabbelnd von den Eltern fortzubewegen und ihre Umwelt zu erkunden. Manchmal ist das heikel; Kinder früherer Generationen begegneten dabei vielleicht gefährlichen Tieren, die heutigen können sich an ungesicherten Treppen, Kabeln oder Putzmitteln verletzen oder vergiften. Als Gegenmittel hat die Natur deshalb eine Art unsichtbare Leine entwickelt, die Kinder zurückhält, wenn sie sich zu weit von schützenden Erwachsenen entfernen. Und wenn es nur ein rückversichernder Blick ist, mit dem sie sich überzeugen: Mama und Papa bleiben ruhig oder nicken sogar aufmunternd – also droht wohl keine Gefahr.

Atempause

Mich setzen

Mich setzen
alles Erlebte dieses Tages setzen lassen
dir anvertrauen

Tief ein- und ausatmen
Dankbarkeit spüren
über all das Gelungene
das mich nun ausruhen lässt

Tief ein- und ausatmen
innehalten
mit all den ungelösten Fragen
damit ich sie danach
mit neuer Kraft angehen kann

Einfach dasitzen
weil du in mir wohnst und wirkst
und mich im Ein- und Ausatmen
erleben lässt
wie mein Wert aus meinem Sein entspringt

Pierre Stutz
aus: 50 Rituale für die Seele,
© 2011 Herder Verlag GmbH, Freiburg i. Br.

Wie heftig und wie lange Kinder fremdeln, hängt von mehreren Einflüssen ab: ihrer Persönlichkeit, ihren Vor-Erfahrungen mit anderen Betreuern außer den Eltern und dem Verhalten der Erwachsenen. Wie bedrohlich wirken sie? Wie stürmisch gehen sie auf das Kleine zu? Lassen sie ihm Zeit, selbst das Tempo der Annäherung zu bestimmen? Bieten die Eltern ihm den gewünschten „sicheren Hafen“? Helfen sie ihm feinfühlig, zur Ruhe zu kommen und sich dann allmählich dem Fremden zuzuwenden? Oder gehen sie einfach über seine Ängste hinweg?

Die Kehrseite des Fremdelns ist die Trennungsangst. Für Eltern ist diese Phase, die sich bis ins dritte Jahr hinziehen kann, oft schwer zu ertragen; nicht einmal zur Toilette können sie gehen, ohne dass ihr Kind hinter ihnen herläuft, klammert oder gar schreit! Allein den „normalen“ Alltag zu bewältigen, erfordert da viel Geduld. Manchen Kindern hilft jetzt ein Lieblingskuscheltier oder eine Schmusedecke, die stellvertretend für die Eltern Geborgenheit schenken (mehr dazu in › EB 9). Und ob Babysitter, Tagesmutter oder Kita: Jede zeitweise Trennung von den Eltern erfordert jetzt eine gründliche Eingewöhnung, bei der die Kleinen mit den neuen Beschützern schrittweise vertraut werden und die Trennungsangst mehr und mehr überwinden können.

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