Donnerstag, 17:21 Uhr

Warum Rituale so wichtig sind

Vertrauen für das Leben

Kleine Kinder kennen keine Uhr, keinen Wochentag und keinen Kalender. Anfangs kennen sie nicht einmal feste Zeiten fürs Schlafen, Essen oder Spielen. Die Rhythmen, in denen die Großen ihr Leben gestalten, lernen sie erst nach und nach kennen. Eine ganz große Hilfe dabei leisten Rituale.

Ein paar kennen Einjährige schon. Zum Beispiel die Mahlzeiten, morgens gleich nach dem Aufwachen und zu ein paar anderen festen Zeiten tagsüber. Die Zuverlässigkeit, mit der Eltern daran festhalten, gibt ihnen Sicherheit. Und die brauchen sie dringend, besonders in „Übergangs­situationen“, wenn die Eltern ihnen (vorübergehend) einen Abschied von Vertrautem und etwas Neues zumuten. Das weckt mulmige Gefühle. Wie das Schlafengehen: Die Kleinen fühlen sich im Bettchen allein gelassen und fürchten sich im Dunkeln. Die Zuversicht, am nächsten Morgen wieder bei Mama und Papa aufzuwachen, müssen sie erst noch aufbauen.

Kleine Feste im Alltag

Baden: Am liebsten badet Lars mit Papa. Die Badeente gehört natürlich dazu, der Eimer, den Lars über Papas Kopf ausgießen darf, und das Abendbrot im kuscheligen Bade­mantel hinterher.

Essen: Jeder hat seinen Platz am Tisch und sein besonderes Glas. Erst sagen Mama oder Papa ein Tischgebet auf, dann kommt Leonies liebstes Ritual: Alle fassen sich an den Händen und sagen „Guten Appetit!“ Sie findet es so schön, dass alle zusammengehören!

Sonntags: Niemand muss morgens weg. Mama und Papa schlafen lange (blöd!), aber dann darf Nele mit Mama kuscheln, während Papa Frühstück macht. Sonntags spürt Nele richtig, wie lieb sich alle haben.

Bei Opa: Mittwochs holt Opa Nico in der Krippe ab. Er hat einen Garten, da darf Nico beim Arbeiten helfen. Hinterher schält Opa für Nico einen Apfel mit gaaanz langen Kringeln. Nico ist stolz, dass er schon so tüchtig ist!

Krank sein: Wenn Lukas krank ist, darf er in Papas Bett schlafen. Mama oder Papa gehen dann nicht zur Arbeit und kochen Hühnersuppe, und nachmittags kommen Oma und Opa und spielen Kasperltheater. Dann weiß Lukas, dass er bald gesund ist.

„Wir machen es wie jeden Abend“, sagt der Papa nach dem Essen, und Lena weiß genau, was jetzt kommt: Zähne putzen, Pipi machen, Schlafanzug anziehen. Ein Tupfer Creme ins Gesicht („Punkt, Punkt, Komma, Strich, fertig ist das Mond­gesicht.“), dann Gute-Nacht-Küsse für Mama und den Teddy und husch ins Bett. Licht aus, ein Schlaflied, dann ist der Lena-Tag zu Ende. Solche immer gleichen Abläufe schenken Kindern emotionale Zugehörigkeit, Sicherheit und Geborgenheit, weit über Zusicherungen und Erklärungen hinaus, sagen Bindungsforscher. Und: Das Vorauswissen, wie alles ablaufen wird, gibt ihnen ein Gefühl von Kontrolle. Sie müssen nichts regeln und entscheiden, alles kommt wie immer. In dieser Gewissheit kann das junge Gehirn getrost in den Schlafmodus schalten. Es hat Vertrauen für die Nacht gefunden – und für das Leben!

Mit der Zeit wird sich Lenas Einschlaf­ritual verändern. Bald wird sie ganz versessen sein auf die Gute-Nacht-­Geschichte, die Mama oder Papa vorlesen oder erzählen. Aber bitte immer dieselbe; manche Kinder bestehen sogar auf dem gleichen Wortlaut! Denn nach einem aufregenden Kindertag brauchen sie jetzt ­Beständigkeit: eine vertraute Stimme und die Gewissheit, dass der kleine Eisbär wieder nach Hause findet. Dann müssen die Eltern nicht mal mehr wie früher Händchen halten, bis Lena eingeschlafen ist! Und irgendwann hat sie so viel Sicherheit gewonnen, dass sie sogar ganz ohne die Eltern einschlafen kann. Wann es so weit ist, wird Lena ihnen sagen.

Denn auch Rituale haben eine befristete Haltbarkeit und müssen sich mit den Kindern weiterentwickeln. Sonst geht es damit wie mit Kleidungsstücken, die zu klein werden: Statt Bindung zu fördern und Halt zu geben, wirken sie nur noch wie Zwangsjacken.

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