Mittwoch, 16:56 Uhr

Neustart im Bett

Eltern tun das nur ganz selten

Okay: Dass die Geburt eines Babys die Lust seiner Eltern auf Sex zunächst einmal bremst, darauf fühlen sich die meisten Paare nach Lektüre einschlägiger Ratgeber vorbereitet. Die Hormone, das Stillen oder ein „Trick“ der Natur, weil das Baby die Mutter jetzt mehr brauche als der Mann die Frau – was auch immer als Ursache angeführt wird, auf jeden Fall sind es die Frauen, die keinen Sex wollen, und die Männer, die deswegen frustiert sind. Stimmt das wirklich? Tatsächlich platzen auch viele Männer in dieser Zeit nicht vor Lust – sei es, weil sie ihre Frau als Mutter erleben und es ihnen schwer fällt, in diesem Bild die Geliebte wahrzunehmen, sei es, weil von ihnen als guten Vätern andere Qualitäten erwartet werden als von einem Lover. Oder weil sie sich als „Versorger“ einen Zwölf-Stunden-Arbeitstag auferlegen, nach dem das Stammhirn auf „Not-Aus“ schaltet.

Was aber, wenn die gefühlte Flaute im Ehebett länger anhält als die drei oder sechs Monate, die die Ratgeber voraussagen? Wenn sie auch nach dem Ende der Stillzeit noch andauert? Klar, manche Babys muten ihren Eltern deutlich länger stressige Tage und gestörte Nächte mit nachfolgender chronischer Übermüdung zu. Andere wollen hartnäckig nur im Ehebett schlafen und lassen so ein entspanntes Sexualleben zur Erinnerung verkümmern. Aber liegt es wirklich nur daran? Deutet die Flaute im Bett vielleicht sogar darauf hin, dass in unserer Partnerschaft oder Ehe irgendetwas nicht mehr stimmt?

Atempause

Du bist du

Du bist du.
Du bist keine Kopie
von irgendwem.
Es gibt dich nur als Original.
Verzeih mir,
wenn ich dich manchmal
mit anderen vergleiche.
Sieh es mir nach,
dass ich von Zeit zu Zeit
Anstoß nehme
an deinen Ecken und Kanten.
Du bist eben du.
Und so — genau so —
liebe ich dich.

Ingrid Schreiner
aus: Zu Zweit.
Adventsmomente für die Partnerschaft
© Echter Verlag Würzburg 2014, S. 73

Nicht unbedingt, sagen Eheberater, womöglich stimmt sogar das Gegenteil: Manchmal lässt das Begehren aufeinander gerade deshalb nach, weil wir zu sehr von der Partnerin oder dem Partner her denken. „Ich mache es, wie ich denke, dass du es möchtest. Und wie du es möchtest, weiß ich ja aus unserer gemeinsamen Geschichte.“ Die erotische Spannung, die sich gerade auch aus Verschiedenheit und dem Unbekannten speist, geht dabei verloren.

Auch mit dem Anspruch, als Eltern ein Liebespaar mit spontaner, leidenschaftlicher Sexualität bleiben zu müssen und genau da weiterzumachen, wo sie vor der Schwangerschaft aufgehört haben, stehen sich Paare oft selbst im Weg. Als Eltern leben sie nicht nur unter anderen Umständen, vor allem haben sich selbst weiterentwickelt – und damit auch ihre (erotischen) Bedürfnisse und Wünsche. Diese Veränderungen gilt es, jetzt gemeinsam zu erkunden.

Viele Frauen und Männer empfinden das als peinlich oder gar riskant. Von mir selbst auszugehen, sexuelle Fantasien und Wünsche offen auszusprechen – vielleicht mache ich mich damit lächerlich, oder ich mute meiner Frau, meinem Mann etwas zu, was er oder sie nicht möchte, was vielleicht sogar Angst auslöst. Dennoch: Das eigene Begehren wahrzunehmen und es sich zuzugestehen, ist der erste Schritt; es meinen Mann, meine Frau wissen zu lassen, ist der zweite. Das ist weder egoistisch noch rücksichtslos; ein Begehren auszusprechen heißt ja noch nicht, dass ich es sofort erfüllt bekommen will. Es ist eine Einladung, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und: Wenn ich selbst den Mut aufbringe, meine Wünsche auch im Sexuellen offenzulegen, färbt das vielleicht auch auf meine Frau, meinen Mann ab. Sie oder er bekommt Mut, bei sich selbst genauer hinzuschauen, sich mehr zu öffnen und zu erzählen, was sie oder ihn reizen würde. Was aus Fürsorge umeinander nie ausgesprochen wurde, wird plötzlich Neuland, das gemeinsam entdeckt werden kann.

„Zum Glück findet Sexualität nicht nur im Dunkeln statt“, erklärt eine Mutter von drei Kindern. „Manchmal ist es günstiger, in einen Babysitter für einen Nachmittag zu investieren, der den Nachwuchs entführt, als abends müde im Kino Händchen zu halten.“ Während andere sich einen passenden Ort außer Haus suchen, der weder nach Windeln duftet noch durch unaufgeräumte Spielsachen die aufprickelnde Erotik ausbremst.

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