Montag, 20:46 Uhr

Wenn die Großeltern miterziehen

Opa lässt fünf gerade sein

„Hey, Papa! Halt dich mal zurück und lass’ Luisa ihre Kinder erziehen.“ Der Rüffel meines Sohns Fabian traf mein Selbstverständnis als Großvater hart. Dabei habe ich doch so klare Grundsätze, was meine Rolle als (manchmal) miterziehender Opa angeht!

Es ging um einen Keks. Ben, mein Enkel, wollte einen zweiten „mit ’lade“. Luisa setzte gerade an, ihm zu erklären, dass von jeder Sorte für jeden nur einer da sei – da funkte ich dazwischen und bot Ben, seine Tränen ahnend, den meinen an.

Eigentlich, hatte ich geglaubt, müssten solche Unstimmigkeiten in Erziehungsfragen sich doch mit ganz einfachen Regeln vermeiden lassen. Wenn ich als Babysitter bei Luisa zu Hause bin, gelten ihre Vorgaben: Um 18 Uhr wird zu Abend gegessen. Ein Keks zum Nachtisch, nicht die ganze Schachtel. Keine Spielsachen in der Küche. Und vor dem Schlafengehen wird das Kinderzimmer aufgeräumt. Natürlich ist es anders, wenn Oma oder Opa „einspringen“, aber die eingespielten Regeln und Rituale gelten unabhängig davon, ob Mama und Papa daheim sind.

Anders, wenn der Nachwuchs bei uns zu Besuch ist. Ein paar Grundregeln gelten zwar auch bei uns: keine Limo, kein Fernsehen … Ansonsten genieße ich es jedoch, fünfe gerade sein zu lassen. Also gibt es beim Abendessen auch mal ein Stück Käse ohne Brot, und wenn Ben die Rinde nicht mag, schneidet Opa sie halt ab und isst sie (mit Genuss!) selbst. Schön, dass ich nicht mehr die Erziehungsverantwortung trage. Und Bens Horizont wird eher reicher, wenn Oma und Opa das eine oder andere anders halten als die Eltern.

Alles ganz einfach? Ab und zu gerate ich eben doch in Versuchung, mit meinen eigenen Grundsätzen zu brechen. Wenn Luisa es zum Beispiel ablehnt, ihren weinenden Sohn aus dem Bettchen zu holen: „Lass’ mal, in ein paar Minuten hat er sich beruhigt!“ Ich selbst hätte ihn längst auf meinem Arm einschlafen lassen! Aber meine Erinnerungen, wie ich als junger Vater (gefühlt) über Wochen neben Luisas Bett gesessen und ihren Rücken gestreichelt hatte, weil sie nicht einschlafen wollte, überzeugen weder meine Tochter noch ihren Mann Daniel. Umgekehrt bin ich der Strengere, wenn’s ums Essen geht; Luisas Geduld, wenn Ben mit seinem Essen „matscht“, geht mir gegen den Strich. Bei allem Verständnis, dass Kinder durch „Begreifen“ lernen – ich bin unter der Maxime groß geworden, dass Essen kein Spielzeug ist.

Atempause

Für dich

sind sie noch kleine Kinder.
Aber ihre Schuhe zeigen,
dass sie bald schon
eigene Wege gehen.
Aufhalten kannst du sie nicht.
Du kannst für das Schuhwerk sorgen.
Und Gott bitten,
dass er deinen Kindern
sichere Wege gibt
und verlässliche Freunde.

Quelle unbekannt

Summa summarum finde ich es allerdings toll, wie Luisa und Daniel mit Ben umgehen. Und ich erinnere mich daran, dass ich selbst als Vater mit Luisa erst Erfahrungen sammeln musste und dann später bei Fabian manches anders machte, weil wir Eltern durch das Zusammenleben mit Luisa dazugelernt hatten. Genauso wird auch Ben die „Fehler“ seiner Eltern verkraften – weil die Grundhaltung seiner Eltern zu ihrem Kind stimmt. Also nehme ich mir vor, mir Fabians Rüffel zu Herzen und mich künftig ein bisschen mehr zurückzunehmen, wohl wissend, dass mir das bei meinem Temperament nicht immer gelingen wird. Im übrigen kann ich mit Luisa und Daniel ja meistens gut reden.

Ach ja: Kürzlich durfte ich Ben drei Tage lang allein betreuen. Luisa und Daniel hatten sich eine Zeit zu zweit gewünscht und meine Frau war kurzfristig verhindert. Meine großzügige Opa-Haltung hatte ich schon nach dem ersten Tag ziemlich korrigiert.

Rudolf Wohlfahrt

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