Freitag, 13:13 Uhr

Das erste Zeugnis

Eine Chance, kein Urteil

Dem ersten Zeugnis ihres Abc-Schützen fiebern viele Eltern genauso aufgeregt entgegen wie dem ersten Schultag. Verständlich: Sie möchten wissen, ob ihr Kind sich in der Schule gut eingelebt hat. Manche erhoffen sich vielleicht sogar schon eine Prognose, ob ihr Kind später den Sprung auf eine „höhere“ Schule schafft. Doch statt besser informiert fühlen sich viele Eltern durch das erste Zeugnis eher verwirrt.

Zum Beispiel durch solche Sätze: „Im Umgang mit seinen Mitschülern reagierte Lukas sehr empfindsam.“ Oder: „Er kann schon viele Buchstaben unterscheiden und setzt sie meist richtig in Laute um.“ Und: „Wenn Lukas sich mehr Mühe gibt, wird er sicher bald lernen, alle Buchstaben und Zahlen formklar zu schreiben.“

Das klingt alles ganz positiv. Doch bei genauem Hinsehen tauchen Zweifel auf. Was heißt zum Beispiel „empfindsam“? Geht Lukas gut auf die Gefühle anderer Kinder ein? Oder benimmt er sich wie eine Mimose? Und: Entsprechen Lukas‘ Buchstaben-Kenntnisse den Lernzielen? Oder müsste er eigentlich alle Buchstaben „sicher beherrschen“? Ziemlich eindeutig ist da schon die Kritik „Wenn er sich mehr Mühe gibt“: Wahrscheinlich schludert Lukas beim Schreiben und hat eine „Sauklaue“.

Der positive Ton, in den die Lehrerinnen auch mittelmäßige und schlechte Zeugnisse verpacken, hat Methode. Sie wollen nicht die Mängel, sondern die Fortschritte der Kinder betonen und ihnen so Mut machen für die Zukunft. Manche fassen das Zeugnis sogar als Brief ab, in dem sie das Kind direkt ansprechen. Das hat einen großen Vorteil: Die Lehrerinnen sind gezwungen, genau hinzugucken und das Kind ganz individuell zu beurteilen. Und die Beschreibung seiner Lernfortschritte besagt viel mehr als ein einfaches „Befriedigend“.

Die Kehrseite: Die freundliche Formulierung verführt zu Missverständnissen; viele Eltern schätzen die Leistungen ihrer Kinder besser ein, als sie tatsächlich sind.

Davor schützt nur Nachfragen. Gelegenheit dazu bieten die Schulen bei den Elternsprechtagen unmittelbar nach der Zeugnisausgabe. Dieses Gespräch mit der Lehrerin ist genauso wichtig wie das Zeugnis selbst! Dabei geht es nämlich auch um Lehren für die Zukunft: Wie können Lehrerin und Eltern dem Kind gemeinsam beim Lernen helfen? So bleibt das Zeugnis kein Urteil, sondern es wird zu einer neuen Chance.

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