Dienstag, 22:49 Uhr

Geschwister

Es lebe der Unterschied!

Es lebe der Unterschied!

Vom ersten Tag an war Marie anders. Ihre große Schwester Valerie schlief nach elf Wochen durch – Marie dagegen kriecht noch heute, drei Jahre alt, in jeder zweiten Nacht in Mamas Bett. Wegen ihres „Theaters“ beim Füttern suchten die Eltern sogar Hilfe in einem Sozialpädiatrischen Zen­trum. Und während Valerie sich in der Kita als tüchtige Stütze der Erzieherinnen erwies, probt Marie öfter den Aufstand. „Woher kommt dieser Unterschied?“, rätseln ihre Eltern. „Sie hat doch das gleiche Erbgut, wächst in der gleichen Familie auf, und wir erziehen sie genauso wie Valerie!?“

Die beliebteste Erklärung war lange Zeit die „Geschwisterfolge“. Danach wächst jedes Geschwisterkind gewissermaßen in einer anderen Familie auf. Erstgeborene („Kronprinzen“) genießen bis zur Geburt des Zweiten die ungeteilte Zuwendung ihrer Eltern, müssen dann allerdings einen „Entthronungsschock“ verkraften. Den zweit- und später geborenen „Sandwichkindern“ und „Nesthäkchen“ kommt die Routine zugute, die ihre Eltern bei der Pflege und Erziehung ihrer Ältesten gesammelt haben; andererseits sind sie für Mama und Papa nicht mehr so „neu“ und spannend … Diese unterschiedlichen Ausgangspositionen, entdeckten Geschwisterforscher, beeinflussen die Entwicklung der Kinder. Der meist genannte Unterschied: Älteste Geschwister verhalten sich konservativer, jüngere rebellischer – mit deutlichen Auswirkungen zum Beispiel für ihren Erfolg im Beruf.

Allerdings hat diese Erklärung für die Verschiedenheit von Geschwistern Grenzen. Nicht nur weil das, was statistisch für hunderte und tausende Kinder zutrifft, in meiner konkreten Familie ganz anders aussehen kann. Vor allem unterliegt die Entwicklung der Schwestern und Brüder noch anderen mächtigen Einflüssen – ihrem Geschlecht, dem Altersabstand und dem Geschick der Eltern, mit den Herausforderungen der Geburtenfolge umzugehen.

Edelstein

Teamwork

Wir haben es gemeinsam geschafft! Die Wohnung gründlich aufgeräumt oder den Keller entrümpelt, oder den Flur frisch gestrichen. Alle helfen mit, jeder macht was er kann, und sei es „die Mannschaft“ mit Getränken, frischen Brötchen und Kuchen vom Bäcker zu versorgen. Wir sind ein Team! Wir schaffen was!

Johannes, 36

Unter Fachleuten steht deshalb inzwischen eine andere Erklärung höher im Kurs: De-Integration. Das heißt: Viele jüngere Geschwister orientieren sich eben nicht am Vorbild der großen Schwester oder des großen Bruders (was allerdings auch vorkommt!), sondern suchen sich eine unbesetzte Nische in der Familie. Sie profilieren sich zum Beispiel als Sportlerinnen, wenn die Erstgeborenen als Künstler glänzen, oder stromern bevorzugt mit Freundinnen und ihren Hunden umher, um sich von älteren Leseratten abzugrenzen. Die Suche nach einer einmaligen Rolle in der Familie soll ihnen die maximale Aufmerksamkeit der Eltern sichern – im Extremfall sogar um den Preis, lieber negativ als gar nicht aufzufallen.

Die Konsequenzen für die Eltern liegen auf der Hand. Sie fördern die Geschwister und den Frieden in der Familie am nachhaltigsten, wenn sie die Kinder nicht aneinander messen und bemüht „gleich“ erziehen, sondern genau hinschauen, was jedes einzelne für die Entwicklung seiner Talente und Vorlieben braucht. Auch wenn das manchmal unbequem ist; es erfordert halt mehr Aufwand, ein Kind zum Judo und eins zu den Pfadfindern statt beide zum gleichen Ziel zu kutschieren.

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