Dienstag, 18:26 Uhr

Erziehung

Schokoriegel und andere Werte

Schokoriegel und andere Werte

Katharina traut ihren Augen nicht: Liegt da tatsächlich auf dem Schulhof, klein zusammengefaltet, ein Fünf-Euro-Schein? Der kommt ihr gerade recht; seit Papa gestern ihre Bitte auf Taschengeld-Nachschlag abgelehnt hat, ist Katharinas Hunger auf Süßes zum Heißhunger angewachsen. Ohne langes Nachdenken steckt sie den Geldschein ein und setzt ihn sofort nach der Schule im Supermarkt in Schokoriegel um.

Blöd, dass Mama in Katharinas Zimmer kommt, als sie gerade den zweiten Riegel futtert. „Wo hast du den denn her?“ – „Hat mir Lena geschenkt“, sagt Katharina – und spürt, wie rot sie wird.

Und jetzt? Katharinas Mutter zögert. Sie weiß genau: Je nachdem wie sie reagiert, wird sich Katharina in Zukunft anders verhalten.

„Okay, dann ruf’ ich mal Lenas Eltern an, ob sie wissen, dass ihre Tochter wohl zu viel Süßes bekommt.“ Dann wird Katharina sich vor der Familie ihrer Freundin als Lügnerin bloßgestellt fühlen, und Lena wird ganz schön sauer sein.

„Ich glaube, du lügst. Und wenn du mir nicht die Wahrheit sagst, mache ich mir Sorgen. Also sag’ mir jetzt, woher du das Geld für die Schokoriegel hattest.“ Dann wird Katharina merken, dass ihre wichtigste Beziehung, die zu ihrer Mutter, getrübt ist.

„Deine Nascherei wird immer schlimmer. Am Ende klaust du das Süßzeug noch! Höchste Zeit, dass du lernst, damit vernünftig umzugehen. Deshalb wirst du zur Strafe …“ Dann wird Katharina sich ganz klein und erbärmlich fühlen und sich am liebsten verkriechen.

Vielleicht wird Katharina, wenn ihre Mutter so reagiert, sich in Zukunft aus Angst vor Ärger oder Liebesentzug bemühen, sich anders zu verhalten, und Fundsachen nicht einfach als ihr Eigentum betrachten. Die Gefahr ist nur, dass alle diese Reaktionen der Siebenjährigen ein schlechtes Gewissen machen und ihr Selbstwertgefühl herabsetzen – und gerade solche miesen Gefühle führen Kinder oft in Versuchung, sich eben doch wieder mit Süßigkeiten oder anderen zweifelhaften Mitteln zu trösten.

Stattdessen könnte Katharinas Mutter ihrer Tochter eine Brücke bauen:

„Du bist gerade ganz rot geworden. Hast du die Schokoriegel wirklich von Lena geschenkt bekommen?“ Das lässt Katharina die Chance, den wahren Hergang zu berichten. „Hattest du so viel Hunger auf Süßes?“ Solche Nachfragen lassen Kinder spüren: Meiner Mama liegt daran, mich besser zu verstehen. Katharina kann erzählen, was sie sich gedacht und wie sie sich gefühlt hat, als sie den Schein entdeckte und einsteckte. Und dann können Mutter und Tochter gemeinsam überlegen: Wie ist der Schein wohl dahingekommen? Wie hätte ich mich gefühlt, wenn ich ihn verloren hätte? Gibt es einen Weg, den rechtmäßigen Besitzer zu finden?

Normen und ethische Werte zu erkennen, sich daran zu orientieren und Fehler wieder gutzumachen: Das ist für Kinder ein schwieriger Lernprozess. Es gelingt ihnen umso eher, wenn sie sich durch die Reaktionen ihrer Eltern mit ihren Wünschen und Anliegen verstanden fühlen – auch wenn diese Wünsche Grenzen an den Bedürfnissen und Rechten anderer Menschen haben. Und wenn sie spüren: Mama oder Papa findet zwar nicht alles richtig, was ich mache – aber ich bin deswegen nicht grundsätzlich böse und kann mich korrigieren. So kann im Gespräch mit den Eltern und in der Orientierung an ihrem Vorbild die Überzeugung von Kindern wachsen, dass Eigentumsgrenzen und andere Werte ihren Sinn haben – weil sie uns helfen, zusammen zu leben.

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