Samstag, 23:10 Uhr

Traumkinder

Die (un)heimlichen Vorbilder

Natürlich muss ein Mädchen weder den Oscar noch den Nobelpreis gewinnen. Und für einen Jungen können die allermeisten Eltern sich andere Berufe als Fernsehmoderator oder Konzertpianist vorstellen. So verwegene Träume hegen nur die wenigsten Eltern für ihre Kinder. Ein bisschen bescheidener träumen die meisten aber schon. „Amely übernimmt bestimmt mal unsere Boutique. Sie ist jedes Mal begeistert, wenn sie mir im Laden helfen kann.“ „Wir haben Niklas für die Jugendkunstschule angemeldet. Seine Lehrerin meint, dass er ein Händchen für Farben und Formen hat.“ „Ohne Abitur bist du im Berufsleben der Depp.“

Auch solche Sätze verraten Träume. Aktiv, selbstbewusst, kontaktfreudig sollen Kinder sein, gute Schulabschlüsse machen und solide Berufe ergreifen. Sie sollen Freunde haben und Hobbys, die Freude am Leben schenken. Selbstverständlich – wer wünscht seinem Kind das nicht?

Doch der Teufel steckt im Detail. Entspringen unsere Vorstellungen den Eigenschaften und Vorlieben der Kinder? Oder stecken dahinter vielmehr Erziehungsmoden oder Erinnerungen an die eigene Kindheit? „Soll unser Kind als einziges nicht zu den Computerkids gehen?“ „Ich war als Kind furchtbar schüchtern und hatte kaum Freunde. Darunter habe ich sehr gelitten.“ „Die Gruppenstunden mit den Pfadfindern waren für mich das Größte.“

In den ersten Jahren kennen die Kleinen tatsächlich nichts Schöneres, als den Eltern alles nachzumachen. Die Stunde der Wahrheit schlägt erst, wenn aus spielerischem Helfen und Ausprobieren eine Pflicht mit regelmäßigen Terminen wird. Oder wenn die Kinder durch Freunde oder Schule andere Interessen entdecken. Gleichzeitig zeigt sich auch ihr Temperament immer deutlicher. Statt zur Kunst zieht’s Niklas neuerdings zum Inline-Skaten. Und Anna wirkt leider ähnlich zaghaft und schüchtern wie ihre Mutter.

Jetzt müssen Eltern aufpassen, dass ihr Traumkind dem wirklichen nicht im Weg steht. Sonst münden ihre enttäuschten Erwartungen in ständigen Ratschlägen, Ermahnungen und Nachfragen: „Hast du für die Musikschule geübt?“ „Wehr’ dich doch mal!“ „Warum gehst du nicht raus auf den Spielplatz wie die anderen?“ „Ewig diese Zeichentrickfilme! Die neuen Bücher liegen nur rum.“

Der Kleinkrieg um ungeliebte Freizeit-Pflichten und „falsche“ Vorlieben verdirbt nicht nur das Familienklima. Vor allem lässt er Kinder spüren: Ich bin nicht so, wie meine Eltern sich das wünschen. Schlimmstenfalls fühlen sie sich ungeliebt, entwickeln Beziehungs- und Verhaltensstörungen. Oder sie fügen sich den ständigen Vorhaltungen, verlieren dabei aber das Vertrauen zu sich selbst und werden anfällig für alle möglichen Verführungen – bis hin zu Süchten und Drogen.

Eltern müssen ihre Träume also an die Leine nehmen. Der größte Schritt dazu ist schon getan, wenn sie sich bewusst machen: Warum lege ich eigentlich auf bestimmte Eigenschaften und Beschäftigungen meiner Kinder so viel Wert? Umso leichter fällt die Einsicht: Was für mich als Kind gut und richtig war, muss nicht auch für mein Kind gut und richtig sein. Es hat eine andere, ganz eigene Persönlichkeit. Und es lebt in einer anderen Zeit mit anderen Angeboten und Möglichkeiten.

Abstand zum Traumkind können Eltern auch Verwandte und Freunde verschaffen, die das Kind gut kennen. Deren Traumkinder sehen nämlich oft ganz anders aus. Und: Was Mütter und Väter selbst ihrem Nachwuchs als „vorlaut“ und „chaotisch“ ankreiden, nennen andere vielleicht „selbstsicher“ und „kreativ“! Eltern gewinnen dadurch einen anderen Blick auf die Talente und Interessen ihrer Kinder – und loben sie danach vielleicht öfter auch für etwas, was ihre Traumkinder nicht haben.

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