Mittwoch, 15:27 Uhr

November 2015

Advent statt Event

Von welchem Alter an macht es Sinn, mit Kindern gezielt religiöse Feste zu feiern? Zum Beispiel Advent: Unser erster Versuch mit dem Zwillingen Andrea und Lukas  (damals knapp 2) ging ziemlich in die Hose. Auf dem Weihnachtsmarkt waren sie offensichtlich überfordert und haben ständig gequengelt, Opas Auftritt als Nikolaus machte ihnen Angst, den Hintergrund und die Zusammenhänge verstanden sie sowieso noch nicht. Was können wir diesmal besser machen?

Ganz vordergründig könnte die Antwort lauten: Machen Sie einfach so weiter. Mit jedem Jahr werden Ihre Zwillinge den Rummel auf dem Weihnachtsmarkt und Opas Auftritte als Nikolaus besser verkraften und genießen.

Aber ist es wirklich das, was Sie wollen? Sie fragen nach dem „gezielten Feiern“ von religiösen Festen. Und damit stellt sich die Frage, was Sie ganz persönlich darunter verstehen und Ihren Kindern vermitteln möchten. Was verbinden Sie eigentlich mit Advent?

Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich wie mir. Für mich als Kind war der Advent eine Zeit der Spannung. Etwas Besonderes lag in der Luft. Allabendlich wurde eine Adventskerze angezündet, Woche für Woche eine mehr. Wir Kinder hatten einen Adventskalender, an dem wir Tag für Tag ein weiteres Türchen öffneten, und beobachteten, wie die Knospen des Kirschzweigs, den die Mutter am Tag der heiligen Barbara in eine Vase gestellt hatte, dicker und dicker wurden. Abends duftete oft die ganze Wohnung nach frisch Gebackenem mit Vanille, Zimt, Kakao und anderen Köstlichkeiten. Manche Päckchen, die die Post brachte, ließen die Eltern ungeöffnet wieder verschwinden und taten geheimnisvoll. Es war diese besondere Atmosphäre, die den Advent ausmachte; heute würde ich sie mit drei Worte beschreiben: Warten, dunkel, Vorfreude.

Und für Atmosphärisches, um auf Ihre Frage zu kommen, haben auch oder bessere: gerade kleine Kinder sehr feine Antennen. (Vermutlich gerade weil sie den Sinn nicht kennen und verstehen!) Mein Geschwister und ich liebten jedenfalls die raschelnde und knisternde Vorfreude dieser Zeit. Und die selbst gebackenen Plätzchen schmeckten uns umso besser, gerade weil die Eltern die Gebäckdosen erst unterm Tannenbaum öffneten.

Deshalb: Wenn Sie selbst und Ihr Mann den Advent so verstehen, dann gestalten Sie ihn ruhig auch so und zwingen Sie sich nicht, daraus ein Event für die Kinder zu machen. Nutzen Sie die Zeitfenster, die die langen Abende Ihnen bescheren. Bei Kerzenlicht zusammensitzen, kuscheln, spielen, Musik hören oder machen, backen, baden, im Dunkeln spazieren gehen, Freunde einladen, wenn Sie mögen, in die Richtung Weihnachten mal wieder die eigene Kreativität auspacken, basteln oder stricken… Aber auch: inne halten, als Paar Zweisamkeit tanken, überlegen, was aus den eigenen Plänen und Träumen geworden ist, ob Sie miteinander und Ihren Kinder auf dem richtigen Weg und zufrieden sind.

Ich bin sicher: Wenn Sie den Advent so nutzen und dabei das eine oder andere schöne Ritual mit Ihren Kindern pflegen, dann können auch Zweijährige schon das Besondere und den Wert dieser Zeit intuitiv begreifen und daraus etwas „fürs Leben“ mitnehmen. Für Kinder in Andreas und Lukas‘ Alter genügen dafür schon ganz wenige Symbole – der Adventkranz, die Weihnachtsbäckerei, ein, zwei jahreszeitliche Lieder und natürlich die besondere Zuwendung der Eltern, die damit einhergeht und für angenehme, wohlige Gefühle sorgt.  

Gerade jetzt haben Sie es noch in der Hand. Je älter Ihre Kinder werden, desto mehr Konkurrenz werden Sie bekommen. Die Einflüsse und Termine von Kita und Tagesmutter passen vielleicht noch in Ihr Konzept, aber vor allem die Konsumgesellschaft wird Ihren Kindern ein ganz anderes Bild von Advent aufgreifen: Sterne, Nikoläuse und Rentiere aus bunten Lichterketten, die die Dunkelheit überschreien, Genuss hier und jetzt statt Warten und Vorfreude. Gut, wenn Ihre Kinder den Advent dann schon anders erlebt haben!

In unserer Rubrik Familie von A-Z finden Sie weitere interessante Artikel und Infos zu dem Thema Entwicklung des Kindes.

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