Donnerstag, 14:43 Uhr

Loslassen

Vertrauen statt Software

Vertrauen statt Software

Es könnte ja etwas passieren! Diese Angst verfolgt viele Eltern, wann immer ihr Kind einen neuen Schritt in die Selbstständigkeit macht – jetzt ganz aktuell bei der Frage, ob es allein zur Schule gehen soll und wie es wieder nach Hause kommt. Viele Kinder möchten diese Wege gerne allein bewältigen, am liebsten zusammen mit Freundinnen. Das verspricht Spaß und einen Schub fürs Selbstbewusstsein; sich von den Eltern bringen zu lassen, wäre dagegen „baby“. Aber was ist, wenn der einstudierte Schulweg mal durch eine Baustelle verlegt ist? Der Schulbus nicht kommt? Die Schule unerwartet früh endet? Oder sonst „etwas ist?“ Wäre es dann nicht gut, wenn das Kind Mama und Papa anrufen könnte?

Immer mehr Eltern packen ihren Erstklässlern deshalb ein Smartphone in den Tornister, das viele fast entschuldigend „Notrufhandy“ nennen. Etliche Tools, mit denen die Hersteller dieser Geräte werben, gehen allerdings übers Telefonieren weit hinaus. Der GPS-Tracker kann das Kind überall orten, der „Geozaun“ schlägt Alarm, sobald es eine festgelegte Zone verlässt. Und weil Sechsjährige für viele Inhalte des World Wide Web noch nicht „reif“ sind, die das Smartphone zugänglich macht, gibt’s auch dafür eine Kontroll-Software. Sie sperrt unerwünschte Kontakte und ermöglicht es Eltern, die Aktivitäten ihrer Kinder bei WhatsApp & Co. mitzuverfolgen – im Unsichtbar-Modus, versteht sich! Das Smartphone wird zum digitalen Bodyguard – aber können Eltern die Sicherheit ihrer Kinder wirklich mit Apps einkaufen?

Pädagoginnen und Kinderschutz-Experten bezweifeln das entschieden. Die ständige Kontrolle der Kinder, fürchten sie, könne sogar die Entwicklung der Fähigkeiten stören, die sie in heiklen Momenten wirklich schützen (> Macht die Kinder stark!):

  • Die Erfahrung, dass die Eltern ihnen den Schulweg offensichtlich nur begrenzt zutrauen, nagt an ihrem neuen Selbst­bewusstsein als Schulkind.
  • Sie wachsen in dem Gefühl auf, ständig von Gefahren umgeben zu sein, und gewöhnen sich daran, bei allem und jedem (und sei es nur ein Streit unter Klassenkameraden) Mama oder Papa um Hilfe anzuklingeln.
  • Erst recht verletzt eine elterliche Bespitzelung per Software die Persönlichkeitsrechte der Kinder. Das klingt abstrakt, bringt aber sehr reale Risiken mit sich: Die Kinder könnten das Vertrauen in ihre Eltern verlieren.

Ja, Loslassen fällt manchmal schwer. Aber Eltern haben keine andere Wahl als sich einzugestehen: Ich habe nicht alles im Leben meines Kindes in der Hand. Ich kann das Meine gegen mögliche Gefahren tun – den Schulweg üben, das Kind notfalls begleiten, sein Selbstbewusstsein stärken … Aber der Rest ist Vertrauen – in den Schutzengel und die Fähigkeit meines Kindes, sich auch gegen Erwachsene zu wehren.

Unsere Gastautorin Jessica Lammerse
ist Mutter von drei Töchtern
und arbeitet als Pastoralreferentin.

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