Sonntag, 17:56 Uhr

Liebe Mutter, lieber Vater,

fast hätte mich der Schlag getroffen. „Das ist doch voll behindert“, maulte mein siebenjähriger Sohn, als ich wegen einer unerwarteten beruflichen Verpflichtung eine Radtour verschieben musste.

„Behindert“ als Schimpfwort? Ich war fassungslos, und ich glaube, Manuel sah mir das sofort an. Was tun? Andere Kraftausdrücke „überhöre“ ich schon mal oder werfe nur ein: „Ich möchte nicht, dass du so sprichst.“ Aber das hier hatte eine andere Qualität, darüber wollte ich auf keinen Fall weg gehen und ihm klar machen: Das ist keine Kleinig­keit. Also hakte ich nach: „Hab’ ich richtig gehört? Du nennst etwas, das du blöd findest, behindert?“ Ein verdruckstes „Hmm“ bestätigte mir, dass Manuel dämmerte, welchen Fehler er sich geleistet hatte. „Du weißt doch, was ,behindert‘ bedeutet?“ „Ja klar.“ „Trotzdem benutzt du dieses Wort als Schimpfwort. Warum?“ „Ist mir so ’rausgerutscht. In der Schule sagen das manche.“

Das hatte ich mir schon gedacht. Und darin liegt das Problem: Wenn es (nicht nur unter Kindern!) salonfähig wird, „behindert“, „Jude“ oder „Schwuchtel“ als Schimpfwort zu benutzen, dann verändert das mit der Zeit das Klima, in dem wir und in dem die Menschen leben, die zu Schimpfworten degradiert werden. Deshalb ist es mir wichtig, einzugreifen und meine Kinder sensibel zu machen für die Worte, die sie benutzen. Denn Sprache schafft Wirklichkeit.

Ihr

Josef Pütz

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