Sonntag, 09:58 Uhr

Überforderte Mütter

Raus aus dem Hamsterrad

Raus aus dem Hamsterrad

Es war ein Tag wie jeder andere. Nach dem Aufstehen die Waschmaschine angeworfen, die drei Kinder mit Frühstück und Pausenbroten versorgt und an der Schule resp. Kita abgesetzt. Nassgeschwitzt an meinem Arbeitsplatz in der Nachbarstadt angekommen, meinen Halbtagsjob gemacht, mittags auf dem Rückweg eingekauft, die Jüngste aus der Kita abgeholt, gekocht, mit ihr gegessen. Nachmittags die Hausaufgaben der Großen überwacht, nebenbei Haushalt gemacht, Henri zu seinem Freund, Lena zum Ballett gefahren, mit Greta zum Kinderarzt gegangen. Die Großen wieder abgeholt, Abendbrot gemacht, danach geputzt, während mein Mann sich zum Sport verabschiedete. Die Pflegschaft in der Grundschule musste ich schwänzen, weil meine Mutter als Babysitterin verhindert war. Die Kinder ins Bett verfrachtet, einen Korb Wäsche gebügelt. Der normale Alltagstrott halt, der zum Wahnsinn mutiert, sobald ein Kind krank wird, die Waschmaschine streikt oder die Kita wegen Fortbildung geschlossen ist.

Nur eins ist anders an diesem Tag. Als ich erschöpft neben meinem frisch geduschten Mann ins Bett sinke und er fragt, ob morgen „etwas Besonderes“ anstehe, bricht es aus mir heraus: „Etwas Besonderes? Mir reicht’s auch so.“ Die Tränen schießen mir in die Augen. Johannes’ Versuch, mich besorgt-begütigend zu streicheln – „Hej, was ist denn los?“ – wehre ich zornig ab. „Jetzt ist Schluss! Ich streike!“

Zwei, drei Minuten lang schaut er mich fassungslos an, dann atme ich dreimal tief durch und versuche, ihm meinen Frust verständlich zu machen. „Wo bleibe ich eigentlich? Ich müsste längst zur Vorsorgeuntersuchung, schaffe es aber einfach nicht. Und so gerne würde ich mit meiner Freundin einen Yoga-Kurs besuchen! Ich bin ausgelaugt, gereizt, chronisch müde. So geht’s nicht weiter!“

Edelstein

Handstand

„Klasse!“ Ein paar Sekunden lang hält Timmi den Handstand, den er mir gerade vorführt, absolut ruhig durch, bevor er wieder auf die Füße wechselt. Um mich dann, nach kurzem Atemholen, herauszufordern: „Jetzt du, Papa!“ Oh je, lang ist‘s her, aber ich versuch‘s mal. Tatsächlich gelingt mir die Übung solala, wenn auch nur dank Timmis Hilfestellung – was er großzügig gelten lässt. Am Ende balgen wir uns kichernd auf dem Fußboden.

Paul, 40

Johannes versteht zum Glück den Ernst der Lage. Am nächsten Abend verzichtet er auf Dortmund gegen Tottenham, und als die Kinder im Bett sind, überlegen wir bei einem Glas Wein, wie sich meine Situation entschärfen ließe. Als Haupternährer kann er sich nicht fifty-fifty in die Familienarbeit einbringen, aber er bietet an, zweimal pro Woche auf dem Rückweg von der Arbeit einzukaufen und die Elternabende in der Grundschule zu übernehmen; die Kita bleibt mein Revier. Außerdem will er mir den Rücken freihalten, so dass ich einen Abend pro Woche komplett frei habe. Wow! Und weiter: Wir werden regelmäßig die Nachbarstochter zum Babysitten engagieren, damit wir uns mit Freunden treffen oder ins Kino gehen können. Vielleicht schaffen wir’s sogar, durch Fahrgemeinschaften mit anderen Eltern die Chauffeurdienste für die Kinder zu verringern?

Am nächsten Tag überlegt Johannes mit den Kindern weiter. Mit Erfolg: Die Großen verpflichten sich, ihre Zimmer an den Wochenenden aufzuräumen und sich ums Tischdecken, Blumengießen und das Ausräumen der Spülmaschine zu kümmern.

Ob das wirklich alles so funktioniert? Immerhin: Schon die Hälfte würde mich sehr entlasten. Und vor allem fühle mich jetzt wesentlich wohler, nicht länger als Dienstmagd der Familie. Morgen will ich mich mit meiner Freundin zu einem Yoga-Kurs anmelden.

Silke Neumeyer
lebt mit ihrer Familie im Ruhrgebiet.

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